Private, kleine NikolAusfahrt
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Söhnke hat geladen, Dieter, Christian M. und ich sind mit Gespannen gekommen.
Am 4.12. trifft man sich um 10:00 in Hannover, um von dort bis 13:30 an der Raiffeisentanke im Uelzener Raum zu sein, wo Söhnke auf uns wartet. Dieter ist pünktlich, Christian hat einen beleuchteten Weihnachtsbaum auf den Beiwagen geschraubt (!) und ich fahre im Watte-Kombi, der mein kleines aber wohlgeformtes Becken umschmeichelt. Mein Gespann ist mit durchsichtigem Hohlraumwachs vor dem Salzwahnsinn geschützt, was übrigens auch Kärchern aushält, aber dazu später mehr.
Nach kurzem Tanken geht es mit 4.800 U/Min. maximal wegen meiner Einfahrzeit gen Nordosten auf der B3. Bei der so möglichen VMax von rund 90 km/h erreichen wir die Treff-Tanke rund eine Stunde zu früh, so dass wir nach dem Treibstoffbunkern noch Zeit für Schabernack haben. Wir stellen fest, dass die Designer von ChupaChupps neben ihrem Monitor ein Foto von uns dreien haben, damit sie die Zielgruppe im Auge haben. Mit lustigen Zahnprothesen-Schnullern im Hals wollen wir den Mittagstisch der anliegenden Kneipe in Anspruch nehmen, treffen dort aber auf nachhaltig unhumoriges Personal. Unsere hochsensiblen Antennen merken sofort, das die Stimmung uns gegenüber nicht wohlgesonnen ist. Spätestens als die nach uns erschienenen Leute vor uns Karte und Mahlzeit erhalten, ist die Situation klar. Auch Dieters obligatorische Bitte um eine "ordentliche Portion" wird abschlägig beschieden. Die manchmal angebotene Alternative mit dem Aufpreis wird ebenfalls nicht in Erwägung gezogen. Wir danken es mit einem längeren Aufenthalt im geräumigen, geheizten und mit perfektem Leselicht ausgestatteten Porzellansalon, wo die an der Tanke erworbene technische Literatur entsprechend gewürdigt wird. Zudem dreht sich die Diskussion der verbliebenen beiden durchweg um medizinisch interessante urologische Probleme sowie alternative Rezepturen zur Abhilfe. Wer also die Lösung für seine "Schorf-Problematik" sucht, mag nach der Adresse der Gaststätte fragen, die Wirtsleute sind (jetzt:) entsprechend geschult. Bevor die Kultur komplett flöten geht, taucht Söhnke auf, die wattierten grünen Gummistiefel in wunderbarer Harmonie zur rot-schwarzen Thermo-Kombi. Ein M65-Verschnitt, der _über_ der Kombi merklich spannt, rundet das Ensemble nach oben im wahrsten Sinne des Wortes ab. Sofort wechselt das Thema in Richtung Russengespann, da Söhnke sich eine Ural gegönnt hat, die zudem vom Händler stammt und vorher einem in der hannoveraner Szene bekannten Schrauber-Chaoten gehört hat. (Letzterer hatte aus technischem Unvermögen sein gutes Dutzend kalt auseinandergezogener MZ-Motoren in den Alu-Schrott gegeben, um schnell zu Geld zu kommen.) Bislang war nicht viel, eingerissener Tank wurde geschweisst, aber sonst läuft es gut. Zusammen geht es in Richtung Lüneburg, wo Söhnke in der näheren Umgebung wohnt. Wir fahren bei der ersten Dämmerung in einen der vielen Waldwege, um eine alternative Route zur eher langweiligen Landstraße zu entdecken. Da die Gegend recht menschenleer ist, gibt es keine Verbotsschilder. Der Untergrund besteht aus Sand, Grasnarbe, tief zerfurchten Schlammwegen und Waldboden. Unsere Gespanne laufen im 1. und 2. Gang und die bisher schon etwas in die Klamotten gedrungene Kälte bekommt einen Platzverweis. Da unser Kartenmaterial eher grob ist, verfahren wir uns oft. Gestoppt werden wir von einem Baumstamm, der quer über die Fahrbahn liegt. Christian auf ETZ 250 und ich mit der 251er suchen einen alternativen Weg durch den Wald um den Stamm herum. Was bei der Erkundung zu Fuß noch als machbar schien, verändert sich im tanzenden Scheinwerferlicht und bei den ersten kleineren Ästen und Moossteinen als unmöglich. Nach der Bergung fahren wir zurück zur Lichtung am Einstiegspunkt in den Wald und führen uns Söhnkes vorbereitete Fleischkloßsuppe aus der Thermoskanne zu Gemüte. Von dem mitgeführten Keramikgeschirr haben es nur 2/3 geschafft, den harten Ritt zu überleben. Danke der Physik wird es dann auch noch eher Trennkost. Die ersten, gierigen, erhalten viel dünnes. Die geduldigeren bekommen tatsächlich Klöße aus der Kanne und die letzten wiederum nehmen vorlieb mit dem Suppengrün. Geeint durch das Baguette und besänfigt mit meinen selbstgebackenen Keksen geht es zurück auf die Landstraße, um kurz darauf wieder den Durchbruch im Wald zu versuchen. Hier erweist sich die Strecke als wesentlich dankbarer, auch wenn wir jetzt wissen, dass an der tiefsten Stelle einer Weide immer die Hinterlassenschaften der Weidenbewohner auf harmlose Gespannfahrer warten und was das Wort "Kot" in Kotflügel bedeutet. Alle kommen gut durch, nur Herr Nolden, der sich für keine exakte Route durch die Suhle entscheiden kann und den gold^ä^ä^ braunen Mittelweg wählt, bleibt natürlich stecken. Schnell, um vor den lästerlichen Blicken der anderen verborgen zu bleiben, springt er ab und schiebt sein Gespann mit geschwind drehendem Hinterrad aus dem Schlammassel, ohne dessen Ursprung sofort zu erkennen. Als wir gemeinsam am Kanal angekommen sind, stehen neben der Optik auch olfaktorische Kriterien zur Bewertung der erbrachten Leistungen zur Verfügung. Direkt neben dem Schiffffahrtsweg fahren wir weiter, auf der Suche nach einer geeigneten Verbindung zur Straße. Die Schiffer sind etwas verwirrt und nehmen uns mit ihren Suchscheinwerfern auf Korn. Als sie statt der erwarteten Wasser-Jets "nur" ein paar ostzonale Gespanne entdecken, entlassen sie uns aus ihrem candelareichen Bannstrahl. Während die Einfahrt auf den Deich noch recht großzügig neben der Schranke durch die Poller möglich war, ist die Ausfahrt wesentlich schwieriger. Die breiter gebaute Russen-Olga scheint erstmal nicht recht durch die von den MZs leicht passierbare Fußgängerschleuse zu passen. Es wird sogar Maß genommen, um unter der nebenstehenden Schranke durchzufahren, die Schlüsselweiten von Spiegel und Lenker sind schon geschätzt, da versuchen wir einfach den selben Weg, den auch die MZs gegangen sind und werden für unsere Hartnäckigkeit belohnt. In Bad Bevensen lässt sich um 19 Uhr rum eine Tankstelle davon überzeugen, den Kärcher für uns wieder herauszuholen, was allein durch unseren Gestank angezeigt ist. Christian hatte das Glück nicht nur am Motorrad, so dass er sich über eine "80 Bar Stiefel-Kur" gefreut hat. Der erneute Start verzögert sich dann um zwei Stunden, da Söhnkes Russen-Olga recht sparsam mit dem Zündfunken umging. Die Batterie ist voll, die Kerzen neu, aber trotzdem kein Funke zu finden. Hinter dem vorderen Motordeckel enden die beiden Zündkabel in etwas, das wie ein Klingeltrafo aussah. Statt naked-bike finden wir eine naked-Zündspule! Das wenig vertrauenserweckend ausschauende Hochspannungsutensil ist aber unschuldig (diesmal:), da es ohne entsprechenden Input kein entsprechendes Output liefert. Das Kabel, worüber eigentlich 12 Volt hereinkommen sollen, endet frei nach Stephen King im "Friedhof der Lüsterklemmen" in und hinter der Lampe. Mit dem Voltmesser im Anschlag werden die Kabelzombies erfolgreich bekämpft, Masseschlüsse zurück in die Hölle befördert, allein: es kommt kein Strom bei der Zündspule an. Hat Dein Apparat sowas wie einen Sicherungskasten? fragt Dieter und während Söhnke mit einer original kopierten Restauratio^ä^ä^ Bedienungsanleitung auf die Suche geht, lamentiere ich etwas von selbstgewickelten Moskwitsch-Sicherungen auf Pappe-Basis. Während also drei startbereite MZs von der TS über die ETZ 250 bis zur ETZ 251 mit hämisch grinsenden Beiwagen auf die Russen-Olga warten, deren Zündkerzengepiercten Euter ohne stimulierenden Funken sinnlos aus dem Eisenoxid-Rohrgeflecht hervorschauten, muntern wir Söhnke ohne Häme auf, reichen Heißgetränke und Dieter überzeugt die Tankstellen-Tante sogar, die Außenbeleuchtung anzulassen, wenn sie gleich (es waren jetzt 2 Stunden später) die Tanke abschließt! Dieters Spontankauf "Schnapp-den-Fisch" erweist sich hier wieder als Glücksgriff, weil wir jetzt Runde um Runde bis aufs Blut das orangefarbene Plastikspielzeug kreisen lassen und hart um die Punkte feilschen. Wir entschließen uns letztendlich bei der Ural zu einem Strombeipass, wozu ein langes, dickes Kabel von der Batterie zu dem Teil gespannt wird, was die Ural-Werker Zündspule nennen. Nachdem Söhnke den Schraubendreher mit Panzerband isoliert hat, ist das schöne Feuerwerk am Motorblock bei der Kabelfixierung zuende. Dieserart stimuliert ist Söhnkes Russin sofort willig und feuerte zum Abschied einige fröhliche Salut-Schüsse in die Richtung der völlig überraschten Passanten. Ich frage mich, wie man als Händler ein Fahrzeug mit Garantie verkaufen kann, es dann aber mit so einer Elektrik fahren lässt. Als ich Tage später al einen Marktüberblick zu den Russendingern einhole, relativiert sich der gezahlte Preis allerding wieder! Wir nehmen diesmal den direkten Weg nachhause, nachdem Christian seinen eben frisch gekärcherten Schuhe erneut im Profilbereich "gefüllert" hat. Daheim wartet die WG schon am Kamin auf uns. Wir verteilen uns schnarchtaktisch klug auf die Zimmer. Warum meine Wände mit Eierpappen beklebt sind, weiss ich nicht... Die unterwegs erstandenen 3 kg Schnitzel wandern in einen Bier&Zwiebelsud und anschließend zusammen mit höllisch scharfen Kartoffelspalten in unsere hungrigen Mägen. Nachdem die MZs auf Söhnkes PC durch die Wüste und die Renner durch Alt-Dabern gebolzt sind, raffen wir uns nur noch kurz auf, um vor dem Kamin etwas Papier auf der Asche in Brand zu setzen. Der nächste Morgen beginnt mit vielen wuseligen Menschen, die sich faschingsgleich in (Motorrad-)Schale werfen. Wir machen einen Ausflug, wobei Dieter und Söhnke die Mitbewohnerinnen ins Boot laden. Söhnke macht derweil Fingerübungen mit der Ratsche, um den Elektrodefekt des gestrigen Tages zu eliminieren. Immerhin hat er die Größe, den Fehler zu beichten: Auch rostige Urals haben Killschalter... ...die aber natürlich gegen eine Aufputzleitung[tm] nicht ankommen! Da Söhnke bekanntlich der "Herr der Doppelfehler" ist, stehen wir noch eine Weile feixend herum und wetten, ob er seinen Eisenhaufen die steile Auffahrt runterschiebt, um die Gottheit des Anschiebens zu beschwören, oder ob er sich an die ganz ähnliche Situation im Sommer erinnert, wo er sein ES-Gespann aufopferungsvoll mit Ben gemeinsam einige Stunden bergauf und bergab rollte, bis wir ihn mit leerer Batterie gen Zeltplatz zogen. Es gewinnt der analytische Geist, der bei fettem Funken und trockener Kerze bei überlaufenden Tupfervergasern auf Wasser im Tank tippt und die anschließende Begegnung von Wassersack und Spiritus bringen den gewünschten Erfolg. Die Tour führt uns nach Karssen-City, wo Tania und ihre Bikerkneipe in unserem Zielradar auftauchen. Zu unserer Verwunderung ist die Wirtin da und während wir uns aus der Verkleidung pulen, ist der Kaffee schon durchgelaufen! Die sehr gastliche Einrichtung im nördlichen Wendland in der Nähe der Elbe haben wir nicht nur wegen des Nieselregens sehr ungern verlassen. Recht zügig geht es gen Heimat, wobei die Gruppe durch ein sehr schönes, wieder unbefestigtes Wald-Areal geführt wird, welches kurz vor der Tür von Söhnke endet. Dieter ist auf befestigten Wegen vorausgefahren, um den Empfang klar zu machen, da wir feste Ankunftszeiten einzuhalten haben. Nach dem Aufwärmen geht es dann auch sehr rasant zur Sache, so rasant, dass ich mich an unserer Raiffeisen-Tanke verabschiede, um in Ruhe nach Hause zu gondeln. Danke an alle beteiligten für die vielen schönen und unvergesslichen Stunden auf dem Bock!
