Schneeflöckchen....
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Diese recht eingängige Frage aus dem vor- weihnachtszeitlichen Liedgut kann ich jetzt leicht beantworten.
Heute. 04.03.2006. Auf dem Weg von Bremen nach Hannover. Und zwar volle Kanne!
Aber erst die Vorgeschichte. Heute fahren Dieter, Jörg und Jens um 12:00 Uhr bei schönstem Sonnenschein und rund 2-3 Grad Celsius nach Bremen. Kurz nach halb zwei erreichen wir das Bügerhaus an der Weser. Das Nachtreffen vom Crazyrun.de von 2005 steht auf dem Programm.
Oberhemd und Wattehose haben dem Wetter gut standgehalten, die lange Unterwäsche und die Dreifinger-Handschuhe sollen bei der Rückfahrt zum Einsatz kommen. Mit großem Hallo werden wir empfangen und freuen uns über die vielen bekannten Gesichter. Das Kuchenbuffet lässt keine Wünsche offen, einige versierte Hausfrauen haben den Kuchen eigenhändig gekauft, aufgetaut und geschnitten, so wurde uns berichtet.
Kurz darauf laufen die beiden Filme zum Crazyrun 2005. Bereits nach ein paar Minuten wird klar, wieviel Arbeit in der Aufbereitung des Filmmaterials steckt, wir freuen uns schon auf die Kopie!
Die Aftershow-Party findet ein Stockwerk weiter oben statt, wo Kommunarden über Sonntagsrituale berichten und gleichmassen schöne wie wärmende Unterwäschestücke von zeigefreudigen MZ-Fahrern zum besten gegeben werden.
Im Fernseher läuft nebenbei Fußball und wir lästern über die "Bildstörung", als das leverkusener Feld in dichtem Schneetreiben verschwindet. Der Rückweg fängt ganz gut an, wir drehen unsere Kreise auf der Suche nach der Zufahrt zur B6, während das Wetter Schneeregen für uns bereithält.
Unser Plan sieht eine zügige Rückfahrt mit einem Zwischenstop an unserer Lieblingstankstelle vor, aber es kommt anders, als gedacht: Ein weißes Blatt weht gegen mein Visir und dann noch eins. Ein Herbststurm weht weiße Blätter gegen unsere Motorräder?!? Entweder wir sind durch ein Wurmloch gefahren oder es ist der fetteste Schnee seit langem! Innerhalb von fünf Minuten ist die Straße mit fünf Zentimetern Neuschnee bedeckt. Eine Hand hält das Gas ruhig, die andere wischt das Visir frei. Dieter hat mit drei Rädern einen nicht unerheblichen Vorteil gegenüber meiner Solo-MZ. Diese wiederum liegt Lichtjahre vor der AfricanTwin von Jörg, die ohne Stützräder ausgeliefert wurde.
Nach weiteren fünf Minuten liegt Jörn am Straßenrand, was ich allerdings nur sehr eingeschränkt wahrnehme, da der Schnee auf Helm, Visir und Brille die Sicht in einen Traum von Constantin Wecker verwandelt haben. Dieter und Jörg sorgen dafür, dass die gummierte Seite der Twin wieder unten ist und so eiern wir zur nächsten Tankstelle. Wie zu seligen Mockick-Zeiten erarbeiten wir uns Feuchtbiotope in den Lederbotten, indem wir unsere Füße als Ski mißbrauchen.
In der Tankstelle warten wir den gröbsten Teil des Schneesturms ab und telefonieren etwas rum, um Optionen zu haben, wenn es tatsächlich nicht weitergehen sollte. Jörg und ich reduzieren unseren Reifendruck auf 0,8 und 1,2 Bar, um dem Schnee mehr Gummi-Stollen anbieten zu können. Mit höchstens 30 km/h probieren wir die Weiterfahrt. Ohne den Sturm fährt es sich jetzt erstaunlich gut, wobei Lenken und Bremsen ersatzlos von unserer heutigen Liste der bevorzugten Fahrmanöver gestrichen werden.
Neben dem viel geringeren Gewicht ist die angenehm dosierbare "Leistung"-sverteilung der MZ gegenüber der Honda von Vorteil. Die nächte Tanke hat zwar nur noch 30 Minuten geöffnet, aber Dieters Dackelblick erweicht Herz und Hirn der Tankwartin, so dass sie für uns drei noch eine ganze Maschine Kaffee kocht.
Wahrscheinlich bringt ihre harte Nachkriegsozialisation sie dazu, uns den restlichen Kaffee zu schenken, da er sonst weggekippt würde. Dieter belohnt pädagogisch wertvoll mit luftgetrockneter Mettwurst und indem er seine Ohrstöpsel wieder aus dem Milch&Zucker-Arrangement entfernt, als wir gehen.
Die Strecke wird jetzt kontinuierlich besser und wir halten die geschätzten zwei Stunden Fahrzeit von Syke nach Hannover schon fürübertrieben, als ein weiteres "weißes Blatt" auf dem Visir landet. Der geneigte Leser ahnt es schon: Der Schnee hat uns wieder. Diesmal noch wesentlich heftiger, so dass wir über den Grünstreifen der Bundesstraße fahren müssen, um in den Genuß von wenigsten homöopathischen Dosen von Gripp zu kommen. Wie einst Michel Friedmann reiten wir auf zwielichtigen osteuropäischen Schönheiten durch das Schneegestöber, die regelmäßige Erdung verhindert allerdings zuverlässig das Aufkommen von Größenwahn. Die Sicht geht in den verdammt einstelligen Meter-Bereich und als selbst Dieter "ichmachallemeineanziehsachenmitdemeddingschwarz" Regenhardt seine Warnweste anzieht, fange ich an, mir Sorgen zu machen.
Jörg wirft in bester Tagestradition wieder seine Honda weg, während die anderen Kraftfahrzeuge mit rund 70 km/h und kuscheligen 30 cm Entfernung an uns vorbeirauschen. Erst als ich den Blinker links setze und penetrant die gesamte rechte Spur beanspruche, wird ein Spurwechsel während des Überholvorgangs in Erwägung gezogen. Pfiffig ist die Idee mit den Ikea-Möbelschonern, die sich tapfer zwischen Asphalt und African Twin-Tank werfen und sich für das teure Benzinfass hingebungsvoll aufreiben. Jörg entwickelt nun ein enormes Talent im zeitnahen Ausweichen von Verkehrsschildern und Leitpfosten, während ich mit der einen Hand am Gas drehe und die andere zur Restlichtaufhellung über das Visir oszillieren lasse. Der erste Gang wird zu meinem besten Freund und nach Jörgs zweitem Hattrick nehme auch ich eine Bodenprobe, um Dieters Gespann nicht als Bremsanker zu missbrauchen. Der Autofahrer hinter uns ist sehr hilfsbereit, kann allerdings auch nicht wirklich helfen.
Daums Traum wird zu einem Motorrad-Alptraum. Inzwischen sind wir komplett nass vom Schnee und den Einsatzvorbereitungen des Bodenprobengeräts. Das einzige, was mich weitertreibt ist die Vorfreude auf das Mitternachtsmahl bei Jörg, das seine Super-Ehefrau für uns angerichtet hat. Weder die Honda noch die MZ nehmen uns die Experimentiererei mit der Schwerkraft übel, die Protektorenklamotten halten, was sie versprochen haben, so dass es weniger schlimm ist, als es aussieht.
Netter Nebeneffekt für mich persönlich: Wenn ich bislang noch unschlüssig war, wann ich das Gespann tüven soll, hat der Leidensdruck durch den heutigen Tag den nötigen Pegel erreicht.
Es grüßt in langer Unterhose mit klammen Fingern tippend
Jens "Hi! My name is Johnny Knoxville" Nolden aus Hannover
